David Foenkinos: NATHALIE KÜSST, C. H. Beck
Das erste, was bei dem französischen Autor David Foenkinos auffällt, sind die poetischen-witzigen Titel seiner Bücher, die im Verlag C. H. Beck kongenial übersetzt erscheinen: „Grösster anzunehmender Glücksfall“, „Unsere schönste Trennung“, „Das erotische Potenzial meiner Frau“. Bei „Nathalie küsst“, Foenkinos neuestem Werk, ist der Titel leider wenig originell herausgekommen, die Geschichte aber genau so hinreissend wie die früheren. David Foenkinos Liebesgeschichten schmecken so, als hätte man bei Nicholas Sparks Bestsellern den klebrigen rosa Zuckerguss weggelassen und dafür einen Hauch Bittermandel (Blues) und Buttercreme (Poesie) beigemischt.
Die Geschichte: François spricht Nathalie auf der Strasse an, sie gehen Kaffe trinken, verlieben sich heftig und werden beneidenswert glücklich. Sie sind happy ohne Ende. Dann stirbt François bei einem Unfall, Nathalie versinkt in einem Ozean der Trauer. Sie klebt an der Vergangenheit, an ihrer grossen Liebe. Die plumpen, peinlichen Avancen ihres Macho-Chefs stürzen sie noch tiefer ins Elend. Nur ihrem scheuen, unattraktiven Arbeitskollegen Markus gelingt es, sie wieder zum Lachen zu bringen, zum Leben zu bewegen.
Wenn man das Buch nach der letzten Seite zuklappt, seufzt man tief bewegt. Und in den Seiten hat es jede Menge Eselohren, weil Foenkinos Sätze gelingen, die man nie wieder vergessen möchte: „Durch seinen Tod war ihre Liebe auf dem damaligen Stand geblieben. François hatte sie in eine unveränderliche Ewigkeit gemeisselt.“ Oder: „Zwischen der Insel des Elends, auch die Insel der Versäumnisse genannt, und der in weiter Ferne liegenden Insel der Hoffnung verkehrt eine Fähre, das wusste er.“ „Sein Körper fühlte sich an wie eine zerstückelte Groteske, in jedem Gliedmass schlug ein Herz für sich.“ „Gemeinsam würden sie die Gebrauchsanweisung der Lieben von vorne studieren.“ Foenkinos findet Worte für Gefühle, traurige und freudige, die wir alle kennen, aber nie so ausdrücken könnten. Der Roman wurde übrigens von David Foenkinos' Bruder Stéphane verfilmt, mit Audrey Tautou als Nathalie. Leider kann der Film namens "La Délicatesse" nie in unsere Kinos. Macht nichts – das Buch ist eh besser!