Buchtipps zum Wochenende: Familienangelegenheiten

Freitag 23.07.2010
Redaktion Anita Lehmeier

Sulzer_zeit

Man soll ja ein Buch nie nach dem Cover beurteilen, davon verführen lassen darf man sich aber durchaus. Der Verlag Galiani Berlin, der sich so verdienstvoll der Schweizer Literatur kümmert, hat mit dem Umschlag von ZUR FALSCHEN ZEIT ein wahres Schmuckstück geschaffen, und Alain Claude Sulzer lässt uns eintauchen in eine vertrackte Vater-Sohn-Geschichte, die in unaufgeregtem Ton und stilistischer Eleganz eine Tragödie griechischen Ausmasses erzählt.
Der Erzähler, ein junger Mann von 17 Jahren, hat seinen Vater nie kennengelernt, von seinem Erzeuger blieb ihm lediglich eine Fotografie. Als er dieses Porträt, das jahrelang unbeachtet in seinem Regal stand, erstmals ausführlich betrachtet, fällt ihm die Uhr am Handgelenk des Vaters auf. Er wundert sich, wo die Uhr abgeblieben ist - als Sohn hätte er doch Anspruch auf das Stück. Und warum zeigt die Uhr Viertel nach sieben? Welcher Profi-Fotograf macht morgens oder abends um diese Zeit Aufnahmen? Die Neugierde ist angestachelt, haufenweise Fragen zum unbekannten Vater drängen sich auf. Auf der Rückseite des Porträts findet der junge Mann eine Pariser Adresse und macht sich kurzentschlossen auf den Weg dahin. Er findet den Fotografen tatsächlich und erfährt, dass dieser sein Patenonkel ist. Von ihm erhält der Junge Briefe und Notizen seines Vaters von dessen Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt. Stückchenweise trägt der Junior die wahre Geschichte seines Vaters zusammen, einem Mann, der das Pech hatte, zur falschen Zeit gelebt zu haben. Alain Claude Sulzer ist ein Meister des Atmosphärischen, seine Erzählstil ein wahrer Genuss. Mit seinem früheren Roman EIN PERFEKTER KELLNER stach er in Frankreich literarische Schwergewichte wie Ian McEwan, Don DeLillo und Richard Ford  aus um den Prix Médicus étranger. Höchste Zeit, dass Sulzer auch hierzulande die ihm gebührende Beachtung findet!!
Am 26. August liegt Alain CLaude Sulzer im Literaturhaus Basel, am 29. September im Literaturhaus Zürich aus seinem neuen Buch.

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Drei Töchter, ein Haus und jede Menge Stoff

BuchMelvilles

Der Erstling aus England ist mit 600 Seiten so dick wie ein Keilabsatz, kommt aber in Stil und Ton luftig und leicht daher wie ein Seidensommerkleidchen. Tara Hyland erzählt in DAS HAUS DER MELVILLES (Limes Verlag) die Saga einer britisch konservativen Modedynastie über zwei Generationen hinweg. Im Fokus stehen die drei sehr unterschiedlichen Töchter von William Melville: Elizabeth, die Älteste, tut alles, um ihrem Vater zu gefallen, Amber ist die Bilderbuchausgabe des bildhübschen, verwöhnten Nesthäkchens und Caitlin, die Halbschwester, kommt erst im Teenageralter nach dem Tod ihrer Mutter in den Kreis der Familie. Das Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen hat es nicht leicht, sich an den Luxus und den Umgangston im Melville-Haus zu gewöhnen und sich in der dysfunktionalen Familie einzuleben. Alle drei Frauen suchen auf ihre Weise nach Erfolg, Liebe und ihrem Platz im Imperium. Erst als ein Bankrott droht, raufen sich die drei zusammen.

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