In respektvollem Andenken an Nella Martinetti, dem Opfer auf dem Altar unserer Unterhaltung, dem singenden Boccalino, der ewigen Nella: Bella Musica zum Wochenende.
Text: Christian Hug (treuer Nella-Fan)
Jai Uttal: «Queen Of Hearts» (Nutone/Heeb)
Es ist immer wieder eine Freude, wenn der New Yorker Sarod-Spieler und Yoga-Chef seine indischen devotional Songs auf CD presst: Wenige Musiker vermischen so selbstverständlich traditionelle und spirituelle indische Musik mit Reggae und westlich-intelligentem Pop. Nach seinen relativ stiltreuen Ausflügen in die Yoga-Musik wendet sich Uttal wieder dem Crossover zu und überrascht uns angenehm: Viel konsequenter als auf Alben wie «Dial M For Mantra» oder «Shiva Station» unterlegt er devotional Songs durchs Band mit Reggae und Ska. Das ist gleichermassen anrührend wie lüpfig. Wer Reggae und Ska mag, aber nichts mit indische Göttern anfangen kann, dem bietet sich hier eine grossartige Brücke – und umgekehrt. Wer übrigens reine spirituelle Lieder mag: Snatam Kaur ist wieder da! Mit «Ras» (Spirit Voyage/Heeb) pendelt sie einmal mehr zwischen Sufi, Chant und christlicher Mystik.
Jeff Bridges: «Jeff Bridges» (Blue Note/EMI)
Seine Mutter verordnete ihm Klavierunterricht, er ist dann aber Schauspieler geworden und gewann mit seiner Rolle als Countrysänger Bad Blake in «Crazy Heart» gar zwei Oscars. Da erstaunt es uns nicht, dass Jeff Bridges nun ein Album mit Country- und Blues-Liedern veröffentlicht. Um so direkt zu sein wie The Dude: Ein grosser Wurf ist sein selbstbetiteltes Debüt nicht, auch wenn es erstaunlicherweise auf Blue Note erscheint. Immerhin hat T Bone Burnett die zehn Lieder produziert, da kann schon mal nichts schiefgehen, und natürlich lieben wir alles, was Jeff macht, weil Jeff es macht. Wir warten ja gespannt auf «Big Lebowski» 2.
Jay Z and Kanye West: «Watch The Throne» (Universal)
Wenn zwei der erfolgreichsten Rapper zusammenspannen, ist ein königlich grosser Wurf zu erwarten, zumal Jay Z und Kanye West gerne Anspruch auf den Rap-Thron erheben. Nicht erstaunlich also, dass letzten Montag, als «Watch The Throne» auf iTunes veröffentlicht wurde, das Album praktisch auf der ganzen Welt die Download-Hitparade anführte (ab heute ist das Album auch als CD erhältlich). Das Magazin «Vibe» bezeichnet das Werk als wichtigstes Album des Jahres. Etwas vorschnell, wie wir finden: Jay und Kanye spielen sich zwar gegenseitig die Bälle sauber zu, droppen dirty Lyrics und samplen passend grossräumige Klassik-Sequenzen, aber richtig aufdrehen tun die beiden selten. Ein gutes Album, fürwahr. Aber keine Offenbarung.
Nero: «Welcome Reality» (Universal)
Daniel Stephens und Joseph Ray mischen in London Tanzböden auf mit Dubstep, Jungle, Drum&Bass und wie die Nuancen alle heissen. Auf ihrem Debüt zielen sie aber weniger auf Tanztauglichkeit ab als auf... ja was eigentlich? Die ruhigen Parts sind nicht relaxt genug, um atmosphärisch, geschweige denn chillig zu sein. Und die wuchtigen Parts sind zu kurz und zu eindimensional. Also fernab von Pendulum, den grossen Übervätern dieses Genres. Und auch weit entfernt vom durchgehenden Kraftspiel von Bands wie ShockOne, Delta Heavy oder Qemists. «Welcome Reality» fällt zwischen Stuhl und Bank. Schade.
Die sechs Londoner sind die Band der Stunde: Sie spielen den Soundtrack zu den Krawallen in England und sagen auch warum: Sie sind «fucking angry». Auch auf ihrem dritten Album sind The King Blues eine Riot-taugliche Mischung aus Punk, Party, Poesie und Ska, Kinder im Geiste von The Clash und The Specials, beeinflusst von Public Enemy und Minor Threat. Was für eine Mischung! Liebes «Vibe»-Magazin: Dieses Album ist wahrscheinlich wichtiger als «Watch The Throne» (siehe oben).