Zwei Herzen: Karim Rashid, Designer, Alleinunterhalter und Ehemann. "Oft hält man mich nicht für seriös, weil ich Farbe benutze oder mich anders kleide. Alles, was abweicht, ist verdächtig."
Mehr Farbe: Karim Rashids Restaurant “Majik” in Belgrad.
Lichter Raum: Karim Rashids Restaurant “Morimoto” in Philadelphia.
Heute Abend, 10. Juni, spricht der New Yorker Designer Karim Rashid, 50, im “Redbox” an der Seestrasse in Zollikon zum Thema “Design brings pleasure”. Mit dem exklusiven Anlass feiert Campari das 150-Jahre-Jubiläum und lanciert einen Cocktailshaker in Murano-Glas von Venini. SI Style führte in Basel ein Interview mit dem “Poet of Plastic”, dessen Stuhl “Oh” millionenfach produziert wurde.
Design muss den Benutzern ein neues Erlebnis bieten, sagen Sie. Welches war Ihr jüngstes Erlebnis?
Karim Rashid: Ein gutes oder ein schlechtes?
Was Ihnen in den Sinn kommt...
Ein grässliches. In meinem Hotel in Madrid, vergangene Nacht.
War das Bett zu kurz? Sie sind ja 1 Meter 93 gross!
Nein, diesmal war es das Bad. Wenn man die Tür öffnete, stand der Waschzimmertisch im Weg, und ich holte mir blaue Flecken. Das gesamte Zimmer war irgendwie falsch. Insgesamt erlebe ich Design sehr viel häufiger als Ärgernis, als dass ich Freude daran hätte.
Vorhin, im Tram, habe ich beim Aussteigen den Kopf angeschlagen. Ist das mein Problem oder dasjenige des Designers?
Des Designers! Wenn wir Designer unsere Arbeit recht machen, sollte das Resultat bei aller Ernsthaftigkeit vergnüglich, schmuck und bezaubernd sein. Eine Welt, die wir mit Wohlgefallen erfahren. Aber Designer denken nicht so, sie schauen sich als Erstes das an, was es bereits gibt. Nehmen wir das Hotelzimmer: Bett zur Wand. Stuhl neben dem Fenster. O ja, ein Schreibtischchen braucht es noch. Das tun wir hier hin. Oder dort? Hm... Da bewegt man sich bloss in alten Denkmustern. Ich muss mich doch fragen: Braucht es überhaupt einen Schreibtisch, einen Stuhl? Und warum hat es bloss einen Stuhl...
...wenn es zwei Betten hat...
Genau. Alle diese Merkwürdigkeiten. Jedenfalls: Design ist, eine neue Welt zu formen. Zeitgenössische Themen, zeitgenössisches Verhalten, zeitgenössische Technologien - das ist ein Unterschied. Mir ist, als missdeuteten wir gegenwärtig, was Design ist. Design wurde zur Dekoration, zur Kunst...
Sie arbeiten häufig mit leuchtenden, fröhlichen Farben. Warum?
Wissen Sie, bis im Alter von Mitte dreissig waren alle meine Arbeiten schwarz und weiss.
Und Sie trugen auch ausschliesslich Schwarz oder Weiss.
Ja, genau. Als Teenager bevorzugte ich Weiss und Pink. Als ich mich dazu entschied, Industriedesigner zu werden und in die Geschäftswelt einzusteigen, begann ich, Krawatten und Anzüge zu tragen. Im Jahr 2000 hatte ich von all den Uniformen genug. Wir sollten alle Individualisten sein und uns die Freiheit nehmen, uns so anzuziehen, wie wir das für richtig halten.
Man hält Farbe für unseriös.
Genau! Seit Jahren bin ich Assistenzprofessor für Philosophie und werde oft als «nicht seriös» abgestempelt, weil ich Farbe benutze oder mich anders kleide.
Interessant, wie konservativ sogar Studenten an Kunstschulen denken! Alles, was abweicht, ist verdächtig. Hinzu kommt, dass die Intellektuellen Design und Architektur lange Zeit belächelten, das waren in ihren Augen jene, die runde Badewannen machten. Aber die Zeiten ändern sich.
Design muss poetisch sein, sagen Sie. Genügt Funktionalität nicht?
Design sollte ein gewisses Mass an Selbstentfaltung enthalten, ein Markenzeichen. Die Industrie produziert makellose Produkte. Wie soll sich da ein Hersteller vom andern unterscheiden? Er muss seine eigene Identität finden und ein gewisses Mass an Poesie anbieten. Wer das nicht tut, wird nicht überleben.
Trifft «Poesie» auch den Mythos einer Firma und ihrer Produkte?
Sollte Design hinter der Brauchbarkeit verschwinden?
Nein, das kann durchaus das Gegenteil sein! Das gehört zur Herausforderung als Designer. Man entwirft ein Objekt, und die Leute denken: Wow, was für ein schönes Teil, sieht aus wie eine Skulptur! Und dann benutzen sie es und sagen: Na, das ist ja wirklich brauchbar!