Daniela Merz, Leiterin der Dock-Gruppe: “Es gibt immer wieder Chancen auf einen Wechsel. Für Männer wie für Frauen.”
“Sozialfirmen” heisst das Buch von Daniela Merz und Lynn Blattmann, das in Zürich im Sachbuchverlag Rüffer & Rub vorgestellt wird. Wo? An der Konkordiastrasse 20, beim Römerhof. Wann? Am 19. Januar 2010, um 18.30 Uhr. In der neuesten Ausgabe von Style veröffentlichten wir ein Interview mit der 37-jährigen Leiterin der Dock-Gruppe, die rund 1000 ausgesteuerte Langzeitarbeitslose beschäftigt. Daniela Merz beantwortete 20 Fragen zur Zeit. Über Peter Noll, Falten, Skischule, Geduld, Respekt - und Zahnärzte. www.ruefferundrub.ch, www.dock-gruppe.ch. Anmeldung unter info@ruefferundrub.ch oder unter Telefon 044 381 77 30.
Schweizer Illustrierte Style: Wie viel Zeit war nötig, um die Stiftung für Arbeit und die Dock-Gruppe aufzubauen?
Daniela Merz: Wir sind im 13. Jahr, ich im achten. Ich stiess nach ein paar Jahren in einer Informatikbude zur Dock-Gruppe.
Waren Sie je längere Zeit arbeitslos?
Nein.
Wie hoch war Ihr erster Stundenlohn?
25 Franken, als Pflegerin in einem Altersheim in Weinfelden. Ich war 16 und begleitete am Wochenende alte Menschen.
Wie feierten Sie Ihren 20. Geburtstag?
Gar nicht, ich war krank.
Wann haben Sie letztmals geweint?
Vor ein paar Wochen. Hat sich der Frust angestaut, plärre ich herzhaft drauflos.
Welcher Gegenstand ist am längsten in Ihrem Besitz?
Mein Taufketteli – ein Armbändchen mit eingraviertem Namen und Geburtsdatum.
Wann stand Ihr Name erstmals in der Zeitung?
Weniger mein Name als mein Bild, in der «Schweizer Familie»: Ich mit vier oder fünf in der Skischule Braunwald. Mit einem gestrickten Helm, etwas ganz Elendem.
Wo verbrachten Sie Ihre letzten Ferien?
Ferien? Was sind Ferien? Im Ernst: Im Herbst war ich mit Markus, meinem Mann, drei Tage in Budapest. Eine lässige Stadt!
Welche Uhr tragen Sie?
Eine IWC, Porsche-Design. Gekauft mit meinem ersten Lohn als Primarlehrerin.
Sind Sie ein pünktlicher Mensch?
Ja, plus/minus schon. Mein Mann würde zwar etwas anderes behaupten.
Was schieben Sie auf die lange Bank?
Nichts. Was ich nicht mag, erledige ich zügig, ich lasse nichts anbrennen.
Welchen Moment würden Sie lieber nicht nochmals erleben?
Keinen. Was man erlebte, definiert den Menschen ja. Ah, doch, den Zahnarzt! Vor dem habe ich immer grausam Angst.
In welchem Alter fühlen oder fühlten Sie sich am wohlsten?
Seit 34, 35. Der Stress, den ich mit 20 hatte, ist fort. Ich darf älter werden, darf Falten haben, und es ist gut, wie es ist.
Was möchten Sie in Ihrem Leben noch erlernen oder erreichen?
Geduld.
Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?
Sicher. Ich habe Leute verletzt und Dinge gesagt … Es war nicht alles so gemütlich.
Mit wem würden Sie gerne einen Tag verbringen?
Mit Peter Noll, wenn er noch leben würde.
Und eine Nacht?
Mit Anne-Sophie Mutter. Sie müsste Geige spielen, und ich dürfte sagen, was.
Wie alt möchten Sie werden?
Ich habe keinen Wunsch. Bei der ersten Sterbebegleitung schlotterte ich vor Angst und wollte das Zimmer verlassen. Da sagte die Frau: «Schwöschterli, du bleibst hier. Wenn du leben kannst, kannst du auch sterben. Also bring das gefälligst hinter dich!» Sie starb ruhig.
Woran krankt unsere Zeit?
An Übergriffen, an Respektlosigkeit. Man erlaubt sich Urteile über den Freitod, über die Glaubensfreiheit. Das geht zu weit.
Was schätzen Sie an unserer Zeit?
Dass es immer wieder Chancen auf einen Wechsel gibt – für Männer wie für Frauen.