Zu Gossip, die heute ihr neues Album veröffentlichen, jubeln wir in der aktuellen Ausgabe von SI Style. Willie Nelson kommt mit seinem gefühlten hundertsten Album, Ex-Doube-Pact-Produzent Yvan Peacemaker agiert jetzt solo, und wer ist Krizz? Was wir brauchen, ist: Neue Musik zum Wochenende.
Text: Christian Hug
Sir Colin: «Love Boat» und «Infinity 2012 – Golden Summer» (Muve/Musikvertrieb)
Auch wenn Sir Colin einer der besseren Trance- und Techno-DJs ist, weil seine selbstproduzierten Stücke hin und wieder richtig knackig und sexy sind – und obwohl sich bereits wieder Tausende von Streetparade-Freunden fiebrig überlegen, welch lustiges Kostümchen sie dieses Jahr zur Zürcher Fasnacht anziehen werden: Dieses ganze mds mds mds mds mtz bringt uns in seiner nichtssagenden Monotonie zur Verzweiflung. Kein Wunder, müssen all die armen Trance-DJs die ganze Zeit über Drogen einwerfen, die halten sonst ja ihre eigene Musik nicht aus. Wohlbemerkt: Es gibt grossartige DJs, Hell, Krust, Krush, Food, Väth. Aber die können eben wesentlich mehr als Antoine, Tatana, LeNoir und eben Colin. Die reihen nicht nur am Laufmeter Tracks anderer Leute aneinander («Infinity...» ist gleich eine Doppel-CD). Und wenn sie es tun, sind diese intelligenter, spannender, tanzbarer. Wir gehen weiter zu Tim & Puma Mimi.

Tim & Puma Mimi: «The Stone Collection Of Tim & Puma Mimi» (Prolog/Irascible)
Hier kommt eine der möglichen Idealvarianten elektronischer Musik: So witzig, kurlig und humorvoll, dass man ob so viel Vergnügen gar nicht merkt, dass Tim & Puma Mimi eigentlich gar keine Tanzmusik machen. Man könnte sagen: Austra mit Charme statt Melancholie und ganz viel Selbstironie. Überaus bemerkenswert ist die Arbeitsweise des Zürcher Soundtüftlers Christian Fischer und der japanischen Sängerin Michiko Hanawa: Er lebt in Zürich, sie in Tokyo, per Skype spielen und singen sie sich Klang- und Sound-Ideen vor, und irgendwie entstehen daraus lustige Tracks. «The Stone Collection» ist bereits ihr zweites Album, ein funkelnder (um beim Thema zu bleiben) Edelstein. Als Hidden Track erklingt vergnügt eine Japan-Techno-Version von «Pudel», dem Song von Kleenex, den Stephan Eicher berühmt gemacht hat.
Santana: «Shape Shifter» (Sony)
Jungvolk aufgehorcht: Man sollte sich zuerst einige alte Alben von Santana anhören, das selbstbetitelte Debüt von 1969 zum Beispiel, «Caravanserai» oder «Zebop!», um zu verstehen, was der Latin-Gitarrero für die Musikgeschichte Grosses getan hat. Und wie er sich später über Jahre in ideenlosem Geplänkel («Milagro») verloren hat und schliesslich nurmehr mit Hilfe von massenhaft Gast-Sängern über die Runden kam («Playing with Carlos»). Jetzt besinnt er sich endlich wieder auf sein eigenes Können und veröffentlicht meist instrumentale Tracks, von denen er viele schon vor vielen Jahren geschrieben hat. Jetzt fürs Altvolk: Das Gelbe vom Ei ist «Shape Shifter» nicht. Eher ein lockeres Gitarren-Lounge-Album, auf dem der Altmeister entspannt signalisiert, dass er niemandem mehr was beweisen muss. Das muss er auch nicht mehr. Wir haben ja das Debüt, «Caravanserai» usw. «Shape Shifter» hören wir uns im Aufzug an und finden Liftfahren toll.
Yuri: «Kopf über Wasser» (SoundService)
Wenn Wu Tang Clans Ideologie des Liquid Sword auf einen Rapper ideal zutrifft, ist es der Berner Fabian Kauter: Als Sportler Mitglied der Fecht-Nationalmannschaft und bald an den Olympischen Spielen im Einsatz, als Ex-Mitglied von 6er Gascho mit seinem zweiten Solo-Album am Start. «Kopf über Wasser» bleibt dem Disco-basierten Sound seines Debüts «Summer in Sibirie» treu, Yuri hat aber die Hip-Hop-typische Ich-bin-der-Beste-Attitüde gänzlich zurückgenommen und verlegt sich ausführlich auf Singer-Songwriter und Tracks, die nur mit Rhythmusmaschineli begleitet werden. So legt er mehr Gewicht auf seine gescheiten Texte über Jugend, Ausgang und Liebe, das ist gut. Die Tracks selber aber verlieren dadurch an Substanz, sie fallen fast manchmal förmlich auseinander. Da fehlt ein Kitt, zum Beispiel mehr, wie soll man sagen: Emotionalität, mehr Ausdruck im Sprechgesang. Oder mehr Ideen in der Instrumentierung. Immerhin: In Tracks wie «Trust My Way» oder «Zäme nie allei» gelingt ihm das ganz gut.